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Ein Mann, zwei Hunde, viele Wörter

Übersetzer Matthias Adler im Interview über Verlage, Book on Demand und Tipps für angehende Autoren.

Matthias Adler ist nebenberuflich Übersetzer für Japanisch, Herausgeber – und im Vollzeitjob ‚Mädchen für alles‘.
Das Verlagswesen kennt er gut: Mit „Warum ich Frauen trotzdem mag“, „Shinjuku Paradise“ und „Ein Hund aus Flandern“ und hat er bereits drei Werke veröffentlicht.

Ich bat Matthias um ein Interview über Verlage, Book On Demand und das Verhältnis zwischen Hund und Künstler.

Matthias, du hast bisher drei Übersetzungen veröffentlicht und dabei mit verschiedenen Verlagen zusammengearbeitet. Auch die Veröffentlichung im Selbstverlag hast du ausprobiert. Welche Erfahrungen hast du daraus gewonnen?

Verschiedenste, denn jedes Projekt war anders. Bei „Warum ich Frauen trotzdem mag“ bin ich vom Verleger angesprochen worden. Beide nutzten wir ein japanbezogenes Forum, irgendwann kam raus, dass ich diplomierter Übersetzer für Japanisch und Koreanisch bin. Die Zusammenarbeit war unkompliziert, der Text wurde mit einer zweiten Übersetzerin geteilt, da alles recht zügig laufen musste (wie eigentlich immer…).

Deine zweite Übersetzung war eine Kooperation mit einer Übersetzungs- und Veröffentlichungsinitiative für japanische Literatur. Eine große Ehre…

„Shinjuku Paradise“ war eine Übersetzung für das Japanese Literature Publishing Project (JLPP), also eine öffentliche Übersetzungs- und Veröffentlichungsinitiative für besondere Werke der japanischen Literatur.

Derartige Unterstützung ist vor allem bei den sogenannten „kleinen Sprachen“, deren Literaturen es aufgrund mangelnden wirtschaftlichen Potentials nicht in die Buchhandlungen schaffen würden, recht häufig. Auch Verlage müssen vor allem wirtschaftlich arbeiten – schön, wenn sie noch dazu ein tolles Programm auf die Beine stellen.

Seltsamerweise produzierte JLPP Übersetzungen „auf Halde“, ließ also zuerst Übersetzungen erstellen, die überaus ordentlich lektoriert wurden, bevor man dann nach einem passenden Verlag suchte. So kam es, dass die Übersetzung bereits Jahre fertig war und ich dann überraschend eine Mail des Verlages bekam, dass eine Veröffentlichung bevorstehe. Die Zusammenarbeit mit „meiner“ Lektorin gestaltete sich sehr entspannt und kollegial.

Multitasking: Herausgeber, Marketingprofi und ‚Mädchen für alles‘

Deine aktuelle Übersetzung hast du über Book On Demand veröffentlicht. Wie sind Deine Erfahrungen damit?

Die Übersetzung von „Ein Hund aus Flandern“ entstand vornehmlich als Weihnachtsgeschenk für meine Nichten und Neffen (die die Erzählung hoffentlich mittlerweile gelesen haben…), aber auch als Testballon für eine Veröffentlichung über Book on Demand (BoD).

Auf das Veröffentlichungskonzept von BoD bin ich schon vor vielen Jahren gestoßen, war aber zu sehr mit anderen Projekten beschäftigt, so dass es letztendlich mehrere Jahre dauerte, bis ich ein Büchlein auf diesem Wege veröffentlichte.

Neu war, dass ich bei diesem Projekt ‚Mädchen für alles‘ war: Übersetzung, Lektorat, Satz und Layout des Textes, Gestaltung des Einbandes… . Als Serviceleistung habe ich die Dienste einer professionellen Korrektorin in Anspruch genommen, damit das Buch annähernd frei von Fehlern ist und die lieben Kleinen nicht damit protzen können, in der Übersetzung des Onkels auf Rechtschreibfehler gestoßen zu sein.

Seit November 2015 kann man das Buch als Printausgabe und E-Book kaufen. Ich wollte es unbedingt vor den Feiertagen fertig stellen, damit der flandrische Hund auch rechtzeitig unter dem Weihnachtsbaum zu liegen kam. Daher hatte ich noch keine Zeit, mich um eine ordentliche Vermarktung zu kümmern.

Hier liegt der Knackpunkt von BoD: Die für den Verkauf in ihrer Höhe selbst wählbaren Tantiemen fließen natürlich nur, wenn das Werk auch verkauft wird. Doch für die notwendige Werbung hat man selbst zu sorgen…

Wie schätzt Du die Bereitschaft des Buchmarktes ein, sich auf ungewöhnliche Themen einzulassen?

Hin und wieder fragen mich Verlage zu Gutachten für bestimmte Bücher zu neuen Themen an, manchmal unterbreite ich Verlagen Vorschläge. Einige Bücher schaffen es zwar in die engere Auswahl für eine Veröffentlichung, kommen dann aber aufgrund finanzieller Risiken nicht ins Verlagsprogramm. Ein Buch kann noch so genial sein – die Kosten für 800 Seiten Übersetzung bei einem (bisher) unbekannten Autoren und somit eine große Unwägbarkeit hinsichtlich der Verkaufszahlen und des Preises bedeuten oft ein Ende.

Recht und tückisch

Deine Übersetzung “Ein Hund aus Flandern” von Marie Louise de la Ramée erschien im Selbstverlag über Book on Demand. Wie funktioniert die Veröffentlichung auf diesem Weg?

Streng genommen ist es keine Veröffentlichung im Selbstverlag, denn als Verlag agiert BoD. Die Erzählung von Marie Louise de la Ramée war mit ihren knapp 60 Seiten rasch übersetzt. Dann folgten eine Überprüfung der Vollständigkeit, diverse Überarbeitungen und Korrekturphasen. Danach nahm sich eine professionelle Korrektorin den Text vor, anschließend wurde von mir das Textlayout erstellt und durch den Upload die Veröffentlichung bei BoD angestoßen. Das bedeutete für mich bis dahin 120 Arbeitsstunden – und wie bereits erwähnt steht die Werbung noch aus.

Nach dem Upload der Dateien für den Text und den Umschlag erstellt BoD eine Art Masterfile für das Buch, konvertiert die Datei in die gängigen E-Book-Formate und sorgt für die Anbindung an den Buchhandel. Das ist der große Vorteil gegenüber einem Selbstverlag. In der Buchhandlung werden BoD-Titel eher nur im Regal stehen, wenn sie einen regionalen Bezug haben oder sich sehr ordentlich verkaufen. Aber sie sind bestellbar und natürlich über den Internetbuchhandel, den Hauptverkaufskanal, problemlos zu erwerben.

BoD stellt auch eine ISBN zur Verfügung, liefert die gesetzlich vorgegebenen Pflichtexemplare an die Nationalbibliothek und macht die Abrechnung über die verkauften Exemplare. Da ein Druck im Regelfall erst nach Eingang einer Bestellung erfolgt, muss man nicht wie ein klassischer Verleger den Druck einer Auflage vorlegen, hat also nur ein sehr geringes finanzielles Risiko.

Ist rechtlich etwas zu beachten?

Möchte ein Autor oder Übersetzer über BoD ein Werk oder eine Übersetzung verlegen, so ist vor allem darauf zu achten, dass ihm die Rechte am Werk gehören!

Der Originaltext von „Ein Hund aus Flandern“ ist seit etlichen Jahren gemeinfrei. Das heißt, das Urheberrecht von Marie Louise de la Ramée bzw. das ihrer Erben ist 70 Jahre nach dem Tod der Autorin erloschen. Jeder darf nun den Text nutzen.

Das heißt jedoch nicht, dass etwa eine – bisher nicht existente – frühere deutsche Übersetzung damit auch gemeinfrei wäre! Für die Übersetzung gilt dasselbe wie für das Original: Erst, wenn die Übersetzung gemeinfrei ist, darf sie allseits frei genutzt werden. Dasselbe gilt natürlich auch für die Rechte an Fotos, Abbildungen und dergleichen.

Für die Gestaltung des Bucheinbands war es praktisch, dass ich zwei Hunde habe. Silla, eine Sapsaree-Hündin, ist für die Rolle des „Hundes von Flandern“ wie geschaffen. So wurde sie über Nacht zum Cover-Girl, und ich habe mit Fotorechten keine Sorgen.

Wann ist es sinnvoll, mit BoD zu arbeiten?

BoD kommt zum Beispiel dann in Frage, wenn kein Verlag Interesse hat oder man das Potential (und seine eigenen Vermarktungsfähigkeiten!) so hoch einschätzt, dass man den zu erwartenden Gewinn selbst einstreichen möchte. Allerdings steht zu bedenken, dass die ganze Arbeit an einem selbst hängen bleibt! Mal abgesehen von der üblichen Selbstausbeutung… . Um den Mindestlohn von EUR 8,50 sowie die Ausgaben für BoD und die Korrektorin zu erwirtschaften, müsste ich etwa 2.500 Exemplare absetzen!

Können? Wollen? Geld? – Gretchenfragen für Autoren

Welche Tipps kannst du für die Veröffentlichung eigener Übersetzungen historischer Werke geben?

Zuerst einmal muss gesichert sein, dass das Werk gemeinfrei ist! Danach sollte man das wirtschaftliche Potential ausloten: Wen könnte eine Übersetzung interessieren? Wie sieht es auf dem Markt mit ähnlichen Werken aus? Kann man sich an einen Trend dranhängen oder wäre es ein Buch unter vielen?
Und die Gretchenfragen: Bin ich bereit, mir die Arbeit zu machen, auch wenn sie sich aller Voraussicht nach finanziell nie lohnen wird? Kann ich alle anfallenden Aufgaben selbst übernehmen oder muss ich die Services von Dienstleistern in Anspruch nehmen?

Letztlich wird die persönliche Entscheidung sicherlich auch von Idealismus und Optimismus geleitet.

Warum hast du dich dazu entschieden, “Ein Hund aus Flandern” von Marie Louise de la Ramée zu übersetzen, ein Werk aus dem Jahr 1872, das nicht gerade dem Zeitgeist der aktuellen Kinderliteratur entspricht?

Ich fand es herausfordernd, den antiquiert anmutenden Text in ordentliches Deutsch zu bringen. Bei den Recherchen zum Buch und zur Autorin stieß ich zudem auf die Verbindung zu Japan.

In Japan kennt jeder die Geschichte. Sie ist dort mehrfach verfilmt worden, sogar als 52-teilige Zeichentrickserie. Japaner sind immer überrascht, dass „Ein Hund aus Flandern“ hier kaum bekannt ist. Inzwischen lief die japanische Zeichentrickserie („Niklaas, ein Junge aus Flandern“), hier im Fernsehen, aber sie nicht so berühmt geworden wie etwa die japanische Zeichentrickserie „Heidi“.

Der Hauptgrund für die Popularität von „Ein Hund aus Flandern“ in Japan ist folgender: 1908, nach dem Tod von Marie Louise de la Ramée, las ein in New York lebender japanischer Diplomat ihren Nachruf in der Zeitung. Ihm war die Erzählung bekannt und er empfahl sie einem in Japan lebenden Freund, der in der aufblühenden Tierschutzbewegung aktiv war. Die Geschichte thematisiert nämlich unter anderem den Umgang mit Tieren. Der Freund war so begeistert, dass noch im Herbst desselben Jahres die erste von vielen japanischen Übersetzungen erschien. „Ein Hund aus Flandern“ wurde also sozusagen durch das Engagement der japanischen Version von PETA berühmt.

Kunst und Hund: Zwischen Freiheit, Treue und Natur

Ich gestehe, dass ich bislang nichts von Marie Louise de la Ramée gehört hatte. Wer war sie?

Marie Louise de la Ramée war eine britische Autorin. Sie lebte von 1839 bis 1908. Sie war, gelinde gesagt, leicht bis mittelschwer exzentrisch: Über Jahre logierte sie in einem Londoner Hotel, wo sie im Bett, umgeben von lilafarbenen Blumen und bei zugezogenen Vorhängen, an ihrem umfangreichen Oeuvre schrieb. Zu ihren Soiréen erschienen Berühmtheiten aus Politik, Kunst und Wirtschaft, darunter Oscar Wilde. Außerdem liebte Marie Louise de la Ramée Tiere. 1871 zog sie nach Italien und kümmerte sie sich um Dutzende streunender Hunde. Zeitlebens hatte sie ein gespaltenes Verhältnis zum Geld – sie gab immer weitaus mehr aus, als sie einnahm. Wohlmeinende Freunde sorgten schließlich dafür, dass sie eine Staatsrente erhielt, um ihren Lebensunterhalt zu sichern.

“Ein Hund aus Flandern“ war sicherlich nicht allein an Kinder gerichtet, obwohl diese sich mit dem Protagonisten Nello und seinem Hund Patrasche identifizieren können. Im Text gibt es einige Seitenhiebe und versteckte Kommentare zu Zeitgeschichte und Kunst, die für erwachsene Leser bestimmt sind. Mit der Erzählung traf Marie Louise de la Ramée wohl den Nerv der Zeit, denn in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts begann eine umfassendere Diskussion zum Verhältnis zwischen Mensch und Natur, aber auch zwischen Erwachsenen und Kindern.

In “Ein Hund aus Flandern” geht es unter anderem um das Verhältnis zwischen Mensch und Hund: Der kleine Nello und sein Hund Patrasche sind unzertrennlich, nicht mal durch Nellos Entwicklung zu einem Künstler. Gibt es für dich ein besonderes Verhältnis zwischen Künstlern und Hunden?

Gibt es nicht eher ein besonderes Verhältnis zwischen Künstlern und Katzen? Das Verhältnis zwischen Mensch und Hund wurde und wird oft von Schriftstellern thematisiert, man denke etwa an „Ruf der Wildnis“ oder „Wolfsblut“ von Jack London, wobei das Kontrastpaar Wolf – Hund im übertragenen Sinne das Verhältnis zwischen Natur und Kultur darstellt.

Marie Louise de la Ramée versinnbildlicht mit dem Hund Patrasche die Natur sowie Idealeigenschaften wie Treue, Liebe und Dankbarkeit. Nello strebt jedoch auch nach Kultur. Er verfügt über herausragende zeichnerische Begabung und verehrt Rubens. Aber Nello ist arm und lebt mit seinem kranken Großvater in einer zugigen Hütte. Sein künstlerischer Erfolg – der Gewinn eines gut dotierten Zeichenwettbewerbs – wäre der einzige Ausweg aus der finanziellen Not.

Eine Lösung der Probleme findet in der Erzählung nicht statt. Stattdessen kommt es zu einer Erlösung durch den Tod: Nello und sein treuer Gefährte Patrasche sterben in der Weihnachtsnacht vor den Gemälden von Rubens. Am darauffolgenden Morgen folgt die Katharsis all derer, die den beiden in der Vergangenheit übel mitgespielt haben.

Du hast selbst zwei Hunde. Erzählst du uns eine Anekdote über die beiden?

Emma ist ein typischer Yorkshire Terrier mit großer Klappe größeren Hunden gegenüber – solange die an der Leine oder hinter einem Zaun sind. Silla, eine koreanische Sapsaree-Hündin, hat eher den Schalk im Nacken, ist aber recht empfindlich, was Geräusche oder neue Situationen angeht.

Vor der bekannten Metzgerei Falorni im toskanischen Greve (dem Salami-, Schinken- und Speckparadies) steht als Dekoration ein ausgestopftes Wildschwein. Während sich Emma davor aufbaute und versuchte, das Wildschwein niederzukläffen, wand sich Silla in Panik aus dem Halsband und rannte auf die Piazza. Glücklicherweise fahren dort keine Autos…

Du bist nicht nur Übersetzer, sondern auch Hobby-Imker, Hobby-Drucker und Berufstätiger in Vollzeit. Wie organisierst du dich, um all das zu schaffen?

Und ich habe einen Mann und von Mai bis Oktober einen Saisongarten. Und, und, und… Dummerweise bin ich in meiner Freizeit nicht so organisiert, wie ich es gerne hätte. Irgendjemand oder irgendetwas kommt wohl immer zu kurz… Meine Projekte müssten mal in eine Reihenfolge gebracht werden, um sie dann stetig „abzuarbeiten“.

Welche Projekte hast du für die kommenden zwei Jahre geplant?

Oben auf der Liste dieser Projekte steht die Übersetzung einer abenteuerlichen Geschichte, die in den Regalen des Niederländischen Nationalarchivs schlummerte. Ich habe mir eine Kopie besorgt und arbeite derzeit an der ersten Übersetzungsfassung. Ich hoffe, im Laufe des Jahres fertig zu werden. Die anderen Projekte sind noch nicht geordnet, ihre Priorität schwankt von Tag zu Tag…

Viel Erfolg bei allen Projekten und vielen Dank für das spannende Interview!

 

„Ein Hund aus Flandern“ von Marie Louise de la Ramée, übersetzt und herausgegeben von Matthias Adler.

Printausgabe: ISBN 978-3739210346, E-Book im Kindle-Shop und bei andern Anbietern.